VIOLETTA JACOBSOHN SCHNEIDET IM VIERTEL GUT AB
Ein Friseursalon in einem früheren Club, in dem ausgelassen zu Schlagermusik getanzt wurde? Warum nicht? Wer die Villa Kunterbunt von Violetta Jacobsohn an der NachtKantine erst einmal gefunden hat, taucht in eine Welt voller Geschichte und Geschichten ein.
IM WERKSVIERTEL-MITTE SEIT: 2006
Violetta Jacobsohn, die auf dem Gelände alle nur Vio rufen, ist Friseurmeisterin. Doch wer nicht genau weiß, wo sich ihr Friseurgeschäft im Werksviertel-Mitte befindet, läuft womöglich daran vorbei. Neben der NachtKantine führen ein paar Betonstufen in ihr Reich, das einer kleinen Villa Kunterbunt gleicht. An den Wänden hängt Kunst des Pop-Art-Künstlers Heinz Burghard, der sein Atelier lange Jahre auf dem Gelände hatte. Die Verkehrsampel in der Ecke mit dem berühmten Ostampelmännchen ist das Abschiedsgeschenk eines Kunden, der früher bei einer großen Werbeagentur auf dem Gelände gearbeitet hat. Und der Ottifant, der auf einem Post-it an einem Bilderrahmen klebt, stammt nicht etwa von der Komikerlegende höchstselbst, sondern von Stefano, dem Barista im WERK1 Café, das nur einen Steinwurf von Vios Salon entfernt liegt.
Wer wissen will, wie es dem Werksviertel-Mitte geht, ist bei Vio genau richtig. Sie ist seit der Zeit der Zwischennutzung auf dem Gelände und kennt hier fast jeden. Aber eigentlich ist sie mit dem Gelände sogar schon sehr viel länger vertraut. Bereits als Kind fuhr die heute 55-Jährige manchmal hinten auf den Kartoffellastern von Berg am Laim an den Ostbahnhof. Was für ein Spaß. Den hat Vio im Werksviertel-Mitte immer noch, wenn sie sich Freitagabend mit Freundinnen in Clubs wie den Schlagergarten stürzt. Ja, genau jenen Schlagergarten, der sich einst an der Stelle befand, wo sie heute Menschen die Haare schneidet. Sie selbst ist schon dreimal auf dem Gelände umgezogen. Ob der alte Schlagergarten ihre letzte Station im Werksviertel-Mitte bleibt? „Wer weiß?“ Bleiben will sie auf alle Fälle. Weil sie die Idee des Werksviertel-Mitte wirklich schätzt. „Mir gefällt dieses gelebte Miteinander hier.“ Die Einrichtung ihres kleinen Salons, die sie mit Unterstützung so vieler Siedler zusammengestellt hat, ist Beweis, dass das bei Vio keine leeren Worte sind. Vio mag auch die ständige Veränderung im Viertel. Die Lebensfreude. Dazu gehört auch, dass die Älteren den Staffelstab irgendwann einmal weitergeben. „Ich genieße es, dass mich mittlerweile sogar die Kinder oder Enkelkinder meiner Stammkunden begleiten.“ Überhaupt ist Vio „ein Riesenfan der Jugend“. Sie bewundert den Mut der jungen Generation, Dinge anders zu handhaben. Etwa, dass junge Menschen neben der Arbeit mehr Zeit für Freunde und Familie haben wollen. Dass sie beruflich flexibel bleiben. „Die trauen sich was.“ So wie sie. Mit ihrem versteckten Friseursalon ohne Laufkundschaft. Der davon lebt, dass Kundinnen und Kunden mit ihr immer mitumgezogen sind und sie immer wieder weiterempfehlen, so dass letztendlich doch genug Menschen zu ihr finden. Kann es ein schöneres Kompliment für das eigene Wirken geben?
FOTOGRAFIERT IN DER NACHTKANTINE IM ALTEN SCHLAGERGARTEN
Während die NachtKantine lange Jahre als Kasino der Pfanni-Werke diente und später zum Restaurant umgebaut wurde, machte ein Nebenraum des Gebäudes eine ganz eigene Karriere durch. Zu Zeiten des Kunstpark Ost und der Kultfabrik eröffnete der legendäre Schlagergarten hier seine Pforten. Ein Club, der heute im neugebauten WERK12 zu finden ist. Auf der einstigen Clubfläche in der NachtKantine werden heute dagegen in einem Friseurgeschäft die Haare für den nächsten Clubbesuch zurechtgemacht.
T RÄUME.
Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Transformation eines Stadtquartiers. Eine Ausstellung der Werksviertel-Mitte Stiftung zum 30-jährigen Stiftungsjubiläum.
Ort: whiteBOX, Werksviertel-Mitte, Atelierstraße 18
Vernissage: 14.10. · 18:00 Uhr
Lange Nacht der Museen: 17.10. · ab 18:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 14.10. – 31.10.2026