LOOMIT SPRÜHT VOR IDEEN
Mathias Köhler – besser bekannt als Loomit – gehört zu den bekanntesten deutschen Street-Art-Künstlern in der Welt. Er kam vor 30 Jahren ins Werksviertel-Mitte, das er seither mit seiner eigenen Kunst und durch seine kuratorische Arbeit mitgestaltet.
IM WERKSVIERTEL-MITTE SEIT: 1996
Mathias Köhler – besser bekannt als Loomit – steht in der Speicherstraße im Werksviertel-Mitte an der Rückseite der TonHalle. Links neben ihm stehen eine Kuh im Dirndl und ein Bulle in Trachtenlederhose. Zwischen den beiden zeigt ein Thermometer höchste Temperaturen an. „It is getting hot in here“ steht über den beiden an die Wand gemalten Figuren. Und man weiß nicht so recht, ob das eine Anspielung auf das mitunter heiße Konzertreiben in der TonHalle ist oder ob es zwischen dem feschen Lederhosen-Bullen und der Kuh mit Blumen im Haar einfach nur zwischenmenschlich etwas heißer werden könnte. Rechts von Loomit schaut man einem Tiger in die Augen. Er sieht furchtlos aus. Friedvoll. Und doch strahlt er eine gefährliche Stärke aus, als wolle er sagen: „Ich bin keine Schmusekatze.“
Wer will, kann sich für Stunden in den Graffiti verlieren und immer wieder neue Details entdecken. Warum wohl trägt die Dirndl-Kuh eine Peace-Kette um den Hals? Wohin fliegt wohl der Astronaut, der neben dem skurrilen Trachtenpärchen in einer Ecke auftaucht? Und wie ist es um das echte Zuhause des Tigers bestellt? Hat er überhaupt noch eines, in dem er jagen, schlafen oder umherstreifen kann? Oder ist sein Dschungel längst gerodet oder verbrannt? Willkommen im Kopfkino, das die große Freiluftgalerie im Werksviertel-Mitte auslösen kann. Es gehört zur großen Macht der Kunst, dass sie Gedanken und Gefühle in Bewegung setzen kann. Freude ebenso wie Unverständnis. Neugier wie Erstaunen. Abscheu wie Ergriffenheit.
Dass es diese jedem zugängliche Kunstgalerie im Werksviertel-Mitte gibt, ist auch ein Verdienst von Loomit. Er kam in der Zeit der Zwischennutzung auf das Gelände. Wolfgang Nöth holte den damals noch eher unbekannten Graffiti-Künstler 1996 nach einer Zusammenarbeit am Flughafen Riem aufs Gelände und stattete ihn mit einem großen Atelier aus. Von dort aus entdeckte Loomit die Welt. Und die Welt entdeckte ihn. Das Werksviertel-Mitte sollte jedoch seine Home Base bleiben. Bis heute. Hier unterrichtet er nicht nur immer wieder Schulklassen im Sprayen, sondern ist sogar in die Rolle eines Kurators gerückt, der den ständigen Wandel an den Wänden im Areal moderiert und mitverantwortet. Über die Jahre hatten die Planer des Viertels erkannt, dass die Kunst die Attraktivität des öffentlichen Raums deutlich steigert, also auch ganz gut für das Geschäft drumherum ist.
Loomit ficht das nicht an. Er ist sich der Kommerzialisierung der Street-Art bewusst und profitiert ja selbst durch Auftragsarbeiten in ganz München davon. Mal ist es eine Unterführung, die er zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern gestaltet. Mal ein Stauwehr. Diese Kommerzialisierung ist Teil des Spiels, das wir Menschen miteinander spielen. Loomit spielt dieses Spiel mit, ohne sich zu verbiegen. Er arbeitet noch immer mit einem analogen Skizzenbuch. Er geht auch nicht mit zehn KI-generierten Ideen zu einem Kunden. Wenn eine Idee einem Auftraggeber nicht gefällt, passt er sie auch nicht bis zur Unkenntlichkeit an. „Wenn es nicht passt, lassen wir es lieber.“ Wirklich gute Kunst lebt schließlich von der Freiheit der Gedanken. Beim Künstler oder der Künstlerin wie auch beim Publikum. Lust auf ein bisschen Kopfkino?
FOTOGRAFIERT IN DER SPEICHERSTRASSE
Die Fotoaufnahmen mit Loomit entstanden in der Speicherstraße an der Rückseite der TonHalle. Das Gebäude aus dem Jahr 1955 führte zunächst den profanen Namen Kartoffellagerhalle 1, aus dem sich die damalige Nutzung des Baus zweifelsfrei ableiten lässt. Zu Zeiten des Kunstpark Ost wurde die Halle zum Colosseum, einer bekannten Konzert- und Partylocation. Seit April 2004 begeistert die Akustik der TonHalle bei Auftritten von nationalen und internationalen Künstlern, bei Partys und Raves bis heute. Zudem besticht der Ort mit seinem Industriestil bei Messen oder Firmenveranstaltungen.
Bis heute sind auf der Speicherstraße die Gleise zu erkennen, die früher zur Anlieferung der Kartoffeln und anderer Waren per Bahn dienten. Sie gehören zum industriellen Erbe des Viertels, wie die ebenfalls bis heute existenten Schwemmkanäle, über die die Kartoffeln innerhalb des Verarbeitungsprozesses von einem Ort zum anderen gelangten.
T RÄUME.
Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Transformation eines Stadtquartiers. Eine Ausstellung der Werksviertel-Mitte Stiftung zum 30-jährigen Stiftungsjubiläum.
Ort: whiteBOX, Werksviertel-Mitte, Atelierstraße 18
Vernissage: 14.10. · 18:00 Uhr
Lange Nacht der Museen: 17.10. · ab 18:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 14.10. – 31.10.2026